Artikel 27 - Das So wird man ja wohl noch schreiben dürfen!
Verschriftung und Verschriftlichung - ganze Bücher wurden zu dieser metaphysischen Thematik geschrieben. Die Begriffe stammen aus der Romanistik und wurden von den Sprachwissenschaftlern Peter Koch und Wulf Österreicher geprägt. Auch das Begriffspaar Nähesprache und Distanzsprache wird im Sprachmodell von Koch und Österreicher definiert und stellt einen gängigen Ansatz zur Einteilung von Sprachen dar. Die Einteilung des Bairischen in die Domäne der Nähesprache ist eine treffende Beurteilung der Realität der 2020er Jahre. Nähesprache wird dabei schnell mit Mündlichkeit gleichgesetzt, wohingegen Distanzsprache mit Schriftlichkeit assoziiert wird. Doch Mündlichkeit wird weiter in mediale Mündlichkeit und konzeptionelle Mündlichkeit unterschieden. Mediale Mündlichkeit wäre das Gespräch zwischen zwei Personen, wohingegen konzeptionelle Mündlichkeit über elektronische Medien, wie SMS, ein Gespräch zwischen zwei Personen zwar darstellt, doch schriftlich fixiert ist. Damit ist selbst das Verhältnis zwischen Nähesprache und medialer bzw. konzeptioneller Mündlichkeit nicht trivial. Nähesprache ist deshalb vor allem ein pragmatisches Konzept. Es hat Merkmale, die es mit Mündlichkeit teilt, allerdings nicht gleichzusetzen ist. Selbst wenn diese vereinfachte Darstellung gälte - Nähe gleich mündlich, Distanz gleich Schrift - so zementierte eine Verschriftlichungseinschränkung bezüglich einer Sprache diese erst vollständig in die Domäne der Nähesprache und nicht umgekehrt, bedingt die Einteilung in die Kategorie der Nähesprache die Benutzungsrestriktion der Mündlichkeit.
Mit dem Ausbau distanzsprachlicher Merkmale im Zuge der Verschriftlichung ging auch ein Abbau nähesprachlicher Merkmale einher. Dabei spricht man in der Linguistik von Literolisierung. Literolisierung ist der Prozess, in dem eine Sprache durch die Einführung schriftlicher Normen und Regeln verändert wird. Dies betrifft sowohl die Phonetik, also die Lautstruktur, als auch die Morphologie, also die Wortstruktur, sowie die Syntax, also den Satzbau.
Nähesprache als kategorisierender Begriff enthält keinen systemischen Ansatz zur Nutzung der Sprache für deren Sprecher. Eine Sprache ist nicht ihres Regelwerks basierend als Nähe- oder Distanzsprache konstruiert. Auch ist diese Einteilung nicht die einzige Art der Kategorisierung in der Sprachwissenschaft. Hier gäbe es auch andere Konzepte, wie die der Substrat- und Superstratsprache. Eine weitere Einteilung, die wissenschaftlichen Wert hat, aber weder für Sprecher noch für Schreiber irgendeinen Wert hat. Die Idee des Deutsch als schriftliche Distanzsprache für behördliche Kommunikation, überregionalen oder gar globalen Wirtschaftsverkehr und viele, viele Regionalsprachen und Dialekte für den Nähebereich ist eine charmante Vorstellung. Kulturelle Vielfalt und Tradition könnte mit florierender Ökonomie verbunden werden. Die Realität sieht anders aus.
Nach mehr als 100 Jahren Schulpflicht und deutscher Standardsprache mit entsprechender Konzentration auf Verschriftlichung sowie medialer Omnipräsenz haben sich die Nutzer der Distanzsprache angepasst und sind zu Sprechern auch im Nähebereich geworden. Distanzsprache und Nähesprache sind keine sprachpraktischen Kategorien im Sinne einer bewussten Entscheidung eines Sprechers. Niemand entscheidet sich bewusst nach dem Prinzip: In welcher Situation befinde ich mich gerade? Nun werde ich Bairisch sprechen! Im besten Fall ist es eine unbewusste Entscheidung, die auf zwischenmenschlichen Faktoren basiert. Distanzsprache und Nähesprache sind vor allem soziolinguistische Kategorien. Nähesprache drückt hier nicht nur geografische Nähe im Sinne einer Regionalität aus, sondern auch die emotionale Nähe. Daran ist nichts Schlechtes, doch eine weitere Eigenschaft hierbei ist das einhergehende, niedere Prestige einer Nähesprache. Ziel ist es das Prestige zu fördern. Insofern steht dies in einem gewissen Widerspruch mit dem Ziel das Bairische aus der Gefangenschaft des Vollrauschprestige zu holen. Abgesehen davon, schließt die Kategorie Distanz auch keinesfalls aus, dass ein Standard wie Deutsch zur Nähesprache wird. Ganz im Gegenteil scheint es eher der Fall zu sein, dass sich Sprecher dem Standard anpassen und dieser ebenfalls im Sinne der Literolisierung zur Nähesprache wird. Nichtzuletzt erscheint, selbst im Zeitalter der Digitalisierung, der Videoplattformen und des Internets, die Bedeutung der Schrift ungebrochen und nahezu unmöglich, glaubhaft zu kommunizieren, ohne irgendeine Art Verschriftlichung zu nutzen. Literatur ist nicht nur Informationsvermittlung sondern auch eine Kunstform. Sich dieser selbst zu berauben erscheint mehr als unverständlich, garaus in ihrem Selbstverständnis unterstützenden Organisationen.
Damit dem Bairischen kein Substratdasein im Deutschen blüht, indem nur noch Bierzeltfloskeln und Bergsteigervokabular, das in niederdeutschen Ebenen kein Pendant findet; auf eine Sprache hinweisen, die Sprachwissenschaftler in hundert Jahren Germanistikstudenten vorlesen werden, ist lebendige Sprachkultur in all ihren Facetten und sprachlichen Variaten nötig. Es geht nicht darum, ob man den deutschen "Brief" nun als bairischen "Briaf" oder "Brejf" schreibt. Doch die Germanisierung des Bairischen ist derart fortgeschritten, dass sprachliche Grundsätze gelehrt werden könnten. Dies beginnt bei phonetischen Regeln und hört bei syntaktisch als korrekt definierten Satzstrukturen auf. Sowohl das Spanische, als auch das Englische kennt und anerkennt regionales Vokabular und orthografische Varianten. Warum wäre eine solcher Ansatz nur für australisches, britisches oder kanadisches Englisch möglich, und nicht für die Oberpfalz und den Rupertiwinkel?
Nicht zuletzt und der Vollständigkeit halber, gerade weil Sprache sich nicht auf reine Informationsvermittlung beschränkt, sondern auch kulturelles Gut und künstlerischen Wert darstellt, wäre eine Ablehnung der Verschriftlichung auch nicht mit mit der bayrischen Verfassung vereinbar. In Artikel 110 beschränkt sich die Meinungsfreiheit nicht auf die distanzsprachliche Form eines Standarddeutschs und würdigt die Kunstfreiheit als Grundrecht entsprechend Absatz drei umso gewichtiger.
Die selbstauferlegte Nichtverschriftlichung einer Sprache ist damit ein soziolinguistisches Phänomen und keine imanente Eigenschaft der Sprache selbst. Nähe- und Distanzsprache sind wichtige sprachtheoretische Konzepte, doch beschränken sie sich auf ihren deskriptiven Charakter und sind in gar keinem Fall statischer Natur. Es bleibt Sprachinstitutionen, Vereinen oder gar dem Individuum als aktive Charaktere offen, Sprache als Mittel der Kommunikation, Information oder Kunst medial so zu nutzen, wie es beliebt. Verschriftlichung bedeutet hierbei weder den Verlust der Mündlichkeit, noch der Zwangsnormierung. Vielmehr gilt es sich an bekannten Mustern zu orientieren, aber auch neue kreative Wege zu gehen.