Artikel 19 - Integration durch Schienengemeinschaften
Um die Zugehörigkeit zu einer organisatorischen Einheit zu beschreiben, sei dies Nation oder lokaler Fuballverein, braucht es irgendeine Gemeinsamkeit. Bereits 1996 führte Bassam Tibi eindrucksvoll in die Zukunft, die heutige Gegenwart, wenn er den Begriff der Leitkultur einführt. Das Fehlen einer gemeinsamen Erfahrung und die Ablehnung auch nur irgendwie gearteter Leitkultur werden auf lange Sicht die Zugehörigkeit zur organisatorischen Einheit, wenn diese nur aus Papieren besteht, letztere auflösen.
Ein unbeabsichtigen Lichtblick in diesem Zusammenhang, könnte die Deutsche Bahn werfen. Ein Wunderkonzern, dessen Führungskräfte sich nicht an Leistung messen müssen, ein Wunderkonzern, der scheinbar an den Marktkräften vorbei existiert und dessen Mitarbeiter gebeugtes Vorgesetztenrückgrat auszugleichen haben. Weder Berliner Flughafen, noch Elbphilharmonie, rissen das internationale Ansehen Deutschlands tiefer in den Erdboden. 55 Prozent pünktlicher Fernzüge ist traurigerweise die geschönte Statistik, wenn nicht ankommende oder losfahrende Züge darin nicht einmal enthalten sind. Unvermögen und Ausbeutung durch aufgeblähtes Management erzeugten und erzeugen eine gemeinsame Volksqual. Wo früher der Wiederaufbau Deutschlands oder die schichtenübergreifende Erfahrung des Baras oder des Zivildienstes, der Gesellschaft eine gemeinsame Erfahrung schenkte, ist es heute der Sonntag auf den Treppen der Doppeltür im Lokalzug nach München, Dresden oder Paderborn. Wo Kindergeschrei tinitusartige Schwindelanfällge hervorruft und zwischen Rucksäcken und Koffern hindurch watende Passagiere, den Warnungen der anderen Reisenden zum Trotz an die linke Tür drängen, obwohl der nächste Ausstieg rechts sein wird. Wo nicht vorausgesehene Haltestellen aufgrund Suizidandrohungen, Polizeieinsätzen, Schnee, Sonne, Wind oder Regen, Bäumen, Kabelbränden oder Weichenstörungen zu kollektivem Stöhnen führen. Wo Schicksalsgemeinschaften sich in Barmherzigkeit zu Fahrgemeinschaften wandeln. Wo Messerstecher mit vereinten Kräften auf den Boden gerungen werden und Helden geboren, dort wirkt der Zauber der Bahn. Der eigentliche Motor der Integration; eine Thematik, omnipräsenter als das Wetter, Gesprächsstoff für jedermann.
Zu ihrer Verteidigung: Infrastruktur bestenfalls aus den 70ern ist für die andauernd wachsende Menschenmenge und die damit geforderte Nutzungsfrequenz nicht ausgelegt. Weder Infrastruktur der Städte noch auf dem Land, geschweige denn Rohstoffe, Nahrung, Energie und Fläche. Das Bahnabteil, das für 60 Personen ausgelegt ist, aber schon 90 beherbergt, nimmt nicht ohne Weiteres 5 zusätzliche Personen auf. Infrastrukturbelastung und resultierende Fehlerhäufigkeit folgen keinem linearen Muster. Ein zu spät kommender Zug, kann N Anschlusszüge nicht erreichen. Zwar muss das Muster auch nicht dem überstrapazierten Begriff "exponentiell" folgen, aber birgt überlastete Infrastruktur Sprengstoff für die Planbarkeit. Nicht nur das Problem des Handelsreisenden ist komplex, auch die Optimierung der Fahrpläne hat Grenzen. Insofern ist der Sonntag in Schicksalsgemeinschaft im Vierer der schreiende Ausdruck einer überlasteten organisatorischen Einheit und dennoch der Schlüssel zu ihrer Verbundenheit.