Artikel 18 - Durch die Wirtschaftsbrille den Wald vor lauter Brand nicht mehr sehen
»Wraaaaaaaam Bbbbbums« dröhnt es periodisch im schwarzen Mercedes, der ein kleines weißes I auf blauem Grund trägt, wenn ein kleiner Spalt die ansonsten so geschmeidig dahingleitende Fahrbahn in der Mondlandschaft im Süden des Stierlandes unterbricht. Die Sonne verfolgt unabhörlich den auf dem heißen Asphalt gleitenden Wagen, dessen Glanz nur vom Stern auf seiner Front übertroffen wird. Wenn der Hintergrund nicht so flimmern würde, könnte die Szene auch Werbung sein. Im schallgedämmten Innenraum herrschen nordeuropäische Sommertemperaturen, als sich das linke Fahrerfenster einen spaltbreit öffnet. Abprupt unterbrechen einige Dezibel mehr an Rauschen die angeregte Stimme der Nachrichtensprecherin.
»... que el PSOE quiere subir los impuestos al azúcar. Según unos estudios cientificos es más adictos que la cocaina. Los ingresos adicionales se usará en temas relacionados a la nutrición. El partido quiere financiar la comida sana y inclusiva para todos los Españoles y los que quieren ser Españoles ...« »Cazzo politici! Ma vogliono tutti i nostri soldi? Se moriamo tutti dal zucchero tra poco ci sará meno consumenti per comprare dei venditori stronzi e gía il mercato si restringerá. Cazzo!« unterbricht es die Moderatorin und das Schweigen seiner Mitfahrerin. »Dame l'accendino, per favore! Dov'é?« »Que no lo sé, coño! Deja de fumar todo el rato!« Genervt fingert der Fahrer zwischen zwischen zwei Telefonen in der Mittelkonsole herum. Die Zigarette steckt schon im Mund und spreizt sich wartend zwischen angespannten Lippen in die Höhe. Das höherfrequente leise Rauschen »Klick zschhhh« ist kaum zu hören, aber die glühende Stängelspitze ist zu spüren. Als sich das Fahrerfenster einen spaltbreit senkt, löst Rauschen und Schweigen den Informationsfluss der Sprecherin ab.
Unter scheinbar niemals von Blättern oder irgendetwas das Photosynthese betriebe berührt worden zu sein, steht das staubtrockene, halbhohe Gestrüpp in grauer Monotonie unter dem gigantischen Stier. Ausladend, sodass es kaum vorstellbar ist, jemand wäre jemals in der Lage gewesen hier eine Straße zu bauen, geschweige denn diese ständig wiederkehrenden Metallrinder an den am heißesten scheinenden Stellen einbetonieren konnte. Der Wortwechsel, der längst als Beziehungsformalität gilt, führte nicht zu unangenehmen Schweigen, als die Zigarette schnipsend und rotierend in wegblasendem Bogen aus dem Fenster schießt und sich beinahe gleichzeitig der Fensterschlitz unter niederfrequentem »Bhhhhhhhhh« schließt. Der Wind reißt sie aus allen Blicken; aus dem Leben der beiden hungrigen Insassen.
Das hochfrequente Knistern des Gestrüpps, das die letzten Reste Tabak leise aus dem Zigarettenstummel heraussaugt, aber völlig untergeht im Rauschen der Vierräder, nimmt Zug für Zug wieder farbe auf. Ohne sich in Richtung ihres Fahrers zu wenden stöhnt die braungebraunte Diskoschönheit »Tengo hambre ya! Antes de las 5 no vamos a llegar nunca.« Sie ergänzt »Hay que comer ahora.« »Allora, c'è il ristorante Tia Lola qua. Non è male« doch ergänzt »Ma abbastanza semplice. Che non voglio andare col' odore d'aglio al aperitivo« »Ya« lacht sie und ergänzt aber wieder »Pero es la pre boda de tu amigo del colegio. No vamos a ver a la Beckham« Grinsend gestikuliert er die rechte Hand »ehhhh inoltre la terza« »Es queeee« »Bo, andiamo. Non c'è bisogno di prenotare vero?«
»Gllll knacksssss« rollen die Reifen über den gelben Parkplatz, der aus der Mondlandschaft herausgestemmt wurde. Die vergilbten Klimaanlagen ergeben geschmeidig den vertikalen Übergang vom Boden. Als die beiden Wirtschaftsliberalen durch die Klimawand in Gaststätte einfacher Art schreiten, schwallt ihnen eine monotone Moderatorenstimmen entgegen. Rote und dunkelrote Zonen wechseln sich rautenförmig ab. Als die Feuerwehrsirene dopplernd den Fernsehbeitrag unterbricht, studieren sie die einseitige Speisekarte. »Sapevi che in Germania, anche in Austria, i vigili del fuoco lavorano voluntariamente. Incredibile.« »Como que gratuito?« »Sí, non si paga niente per i vigili del fuoco. Ogni commune lí da i soldi per mantenere le macchine e tutte le cose... e poi loro comprano quello che sia necessario.« »Pero, joder. Me compraria lo que me diese la gana. Que al final nadie lo sabe?« Weitere Feuerwehrautos sausen hochfrequent und plötzlich niederfrequent an Tia Lolas einfacher Küche vorbei und beide unterbrechen kurz die tiefgründige Diskussion über die Finanzierung der Feuerwehr. »Ahhh cazzo, ma scusa, se andasse a spegnere un fuoco un sabato a 40 gradi, vorrei una recompensazione. Se non chi fosse questo, non funzionarebbe nulla. Meno i vigili del fuoco. Più fuoco, pui gente che vuele che se spegna, allora pagano anche più. Quindi rubare qualche cosa é niente più che un altro metodo di ricompensazione.« »Bueno sí...« pflichtet sie den wirtschaftstheoretischen Grundlagen des Feuerwehrdienstes ihres Gegenübers bei. »Pues queremos una agua y unas boquerones por fa. Yyyyy además seis croquetas,chipirones y dos pepitos por fa.«
Der Aufbruch mit vollem Magen enthält eine weitere fröhliche Überraschung. Vor den hinter dem Metallstier aufsteigenden Rauchschwaden hat sich ein unendlicher Stau auf der Gegenfahrbahn gebildet. Dieses Glück, das Unglück anderer, ist besser als jedes Zuckerl zum Nachtisch. »Ma che fortuna che andiamo in direzzione norte. Que merda qua. Niente funziona qua.«