Artikel 16 - Quaderästhetik
Fährt man die Autobahn von München Richtng Burghausen, dann kommt man kurz vor Höhe Erharting an einem gigantischen, grauen Quader mit der Aufschrift Netto vorbei. In tiefgrüner Voralpenkulisse, unter weiß-blauem Bayernhimmel kontrastiert ein einfarbiger Wellblechquader das Auge des vorbeirauschenden Betrachters. Windräder erzeugen bei der Suche nach Ästhetik weniger starke Gefühle. Wer es mit der Ästhetik ernst meinen würde, müsste zu allererst die Errichtung dieser allein betriebswirtschaftlichen Orientierung der Architektur Einhalt gebieten.
Vergewaltigung der Landschaft und Entmenschlichung der Architektur sind die kulturellen Folgen dieser betriebswirtschaftlichen Architekturausrichtung. Mit der Nachkriegssituation wird dies für gewöhnlich begründet. Weder für das Nettolager nahe Erharting, noch für den überwältigen Teil neuer Gebäude gilt dieser Standardsatz.
Hessische Fachwerkhäuser sind zwar noch Touristenmagneten, aber Hessenmann und Wildenmann sind aussterbende Figuren. Sucht man nach hessischer Architektur, so sind einfarbig, seelenlose Quadrate die Antwort. Der Ziegel stammt ursprünglich nicht aus Westfalen, sondern kam durch die Römer dorthin. Dennoch hat sich eine westfälische Ziegelarchitektur entwickelt. Sucht man nach westfälischer Architektur, so ist man auch hier nicht vor den lebensdrangraubenden Quadern gefeit. Bei der Suche nach schwarzwälder Architektur, treten die Quader zumindest mit Holzverkleidung in Erscheinung. Imposante regionale Vielfalt, die sich mit den märchenhaften Krüppelwalmdächern geschmeidig der in die majestätische Landschaft einfügen, sind auch hier dem Preis unterworfen. Als letztes Beispiel seien die fünf friesischen Gulf- und Reetdachhäusern genannt, die als Antwort auf den Suchbegriff friesischer Architektur dienen, bevor auch hier quaderförmige Einfamilienhäuser und Schulgebäude jegliches Heimatgefühl und Kreativität ersticken.
Lieber zwei Quader, als ein Krüppelwalmdach. Warum Fachwerk, wenn Zimmerdecken per Lastwagen angeliefert werden können? Lieber zwei Legohäuser, als Ziegelsteinmauern zu stapeln. Die Brennbarkeit der Reetdächer dürfte auch nicht der entscheidende Grund für die Entscheidung zum Einheitsquader sein. Ob diese Quaderästhetik einmal ähnliche Gedankengänge hervorrufe, bleibt dem Raum der Möglichkeiten überlassen. Regionale Vielfalt ist hier allerdings nur geringfügig zu erkennen und bei weitem kein Touristenmagnet. Ganz im Gegenteil führt diese Gleichartigkeit zur Tourismuskonzentration und Heimflucht. Eine Flucht aus dem monotonen Quaderheim. Überlastete Zentren, die teilweise noch authochtone Baukunst aufweisen, sind die Folge. Proteste in Spanien und Italien entgegen des Touristendrangs ist die traurige Folge. Bis auf die zugedröhnten Raver sind die kommunistischen Plattenbauen ehemaliger Sowjetstaaten, deren Ziel es gerade war die Gleichheit der Menschen zu zementieren, für niemanden zum architektonischen Vorbild geworden. Der kaum davon unterscheidbare US-amerikanischer Flachdachstil und die zerklüfftende Städtearchitektur des nordamerikanischen Kontinents sind dies ebenso wenig. Die erbärmliche Nachbildung des Las Vegas'schen Venedigs dient nicht einmal als Hochzeitskulisse. Für Europa scheint es dennoch zum kopfschüttelnden Vorbild geworden. Die Abkehr vom quantitativen Mehr an Immobilie zu Gunsten des qualitativen Mehr an Ästhetik, ist die Entscheidung zur Vielfalt und Kultur. Ist diese Schlussfolgerung noch nicht schauderhaft genug, so bleiben die Reportagen des grandiosen Dieter Wielands der in Wahrsagermanier die Gegenwart im Jahre 2025 beschreibt und der Schönheit keine Chance gibt.