Artikel 12 - Ohne BIP geht sowieso nicht!
Das Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, ist von bayrischen und deutschen Nachrichtensendungen kaum wegzudenken. Als der Gradmesser schlechthin beschreibt es den wirtschaftlichen Zustand eines Staates. Erst danach kommen dann die Arbeitslosenquote und der Börsenindex. Im Podcast des Deutschlandfunk "Computer und Kommunikation" vom Beitrag am 19.10.2024 weist man auf die Notwendigkeit der Landwirtschaft zur Digitalisierung aufgrund des hohen CO2-Fußabdrucks hin. Dies verdeutlicht sie mit dem drastischen Vorwurf der Sünde und zwar wegen der Produktion von 7% der Treibhausemissionen, bei nur 1% Beteiligung am BIP. Hier wird das BIP zum CO2-Akzeptanzgrad verklärt.
Das politische Ziel der EU, Bayern und Deutschlands die Landwirtschaft seit der europäischen Nachkriegszeit im Sinne der sogenannten Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) auf Effizienz zu trimmen, hat dazu geführt, das sowohl weniger Arbeitskräfte im landwirtschaftlichen Sektor beschäftigt und gleichzeitig Lebensmittel preiswerter werden. Dadurch wurden die finanzielle Mittel von Verbrauchern, welche vorher an Nahrungsmittel gebunden waren, frei für Freizeitausgaben und den Konsum anderer Werte sowie Dienstleistungen erst geschaffen. Damit ist ganz strategisch das BIP der Landwirtschaft gesenkt worden. Ganz davon abgesehen vom Subventionsaufwand, der die tatsächliche marktwirtschaftliche Situation kaschiert, welcher notwendig ist, um die Lebensmittelpreise und Landschaftspflege zu garantieren. Existierten diese nicht, wären die Preise deutlich höher und entsprechend auch das BIP für die Landwirtschaft als Sektor, wie aus der Darstellung des Statistischen Bundesamts ersichtlich. Im Albanien des Jahres 2010 waren 55 % der Beschäftigten in der Landwirtschaft beschäftigt. Dementsprechend trug dieser Sektor über 21 % zum BIP bei. Angenommen die Treibhausemissionen wären weiterhin im 10% Bereich, wäre dies nach der Logik aus einleitendem Beispiel besser oder eine Milchmädchenrechnung?
Als realitätsnaheres Beispiel, sei dem Leser geraten zu versuchen 1 Liter Apfelsaft selbst herzustellen und zwar zu einem Preis unterhalb gängiger Getränkemärkte. Für 1 Liter Saft benötigt man bei durchschnittlicher Ausrüstung, einer sogenannten Obstpresse und einem Mußer, ca. 2 kg Äpfel. Günstig sind Äpfel mit Hagelschäden für rund 1 € pro Kilogramm zu erhalten. Aber selbst, wenn man diese geschenkt bekäme, ist der zeitliche Aufwand für 10 kg Äpfel, mit Ernten, Waschen, Vorverarbeiten, Mußen, Pressen, Abkochen und anschließender Gerätereinigung bei unter 2 Stunden kaum möglich. Selbst ohne die Energie- und Materialkosten müsste der Stundenlohn unter 3 Euro liegen, damit man kostengünstiger als aktuelle Ladenpreise produziere. Damit hätte man dann ganze 5 Liter Apfelsaft. Skaliert auf die benötigte Jahresmenge wären dies viele, viele Stunden. Auf die wesentlich aufwändigere Lebensmittelproduktion im Vergleich zur Saftproduktion sei hier nicht einmal eingegangen. So viel sei gesagt: Gutes Brot zu backen ist weitaus komplizierter als Apfelsaft zu pressen. Stelle man sich nun vor ein Großteil der Werktätigen müsste seine Lebensmittel selbst herstellen, so würde ein beträchtlicher, ein Großteil, der Arbeitszeit, welcher aktuell zum BIP beiträgt, wegfallen. Mit diesen Aussichten und dem Großteil der Gewinnmarge bei den Verarbeitern und Vermarktern anstatt bei den Produzenten, ist es erstaunlich, dass Lebensmittel überhaupt so günstig werden konnten.
Damit gibt erst diese Politik, der Effizienztrimmung der Landwirtschaft, als grundlegendster aller Wertschöpfungssektoren die Ressourcen frei, die diese später zur BIP Beitragsleistung ermöglichen. Die Landwirtschaft wird als separater Wirtschaftsbereich gewertet, nicht als Industrie. Die grundlegende Natur dieses Sektors ist die zentrale Argumentation dafür. So könnte man im Katastrophenfall auf einiges verzichten. Bis auf Landwirtschaft, medizinisches Personal und Polizei wären Heerscharen an Marketingexperten, Bänkern, Immobilienvertretern und anderweitige Berater problemlos wegzudenken, die sich ansonsten selbstverständlich am BIP beteiligen. Am BIP ist alles beteiligt, deren Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit allerdings nicht von Bedeutung. Nahrunsversorgung ist aber die absolute Grundlage eines Staates. Aktuelle Krisen, wie im französischen Überseegebiet Neukaledonien sind auf die Nahrungsmittelversorgung zurückzuführen. Der französischen Revolution gingen Hungerrevolten voraus, da aufgrund von Missernten die Nahrungsmittelpreise stiegen. Die landwirtschaftliche Produktion so effizient und günstig wie möglich zu gestalten ist damit sowohl wirtschaftlich als auch politisch, dem sozialen Frieden Wille, von enormer Bedeutung.
Hier jedoch die Landwirtschaft in einem Atemzug über das BIP mit den
McKinseys und Deloittes, mit Rechenzentren und Softwarebutzen für die
"Call of Duties" und "Clash of Clans", Freizeitbeschäftigungsindustrie,
Künstlern und weiten Teilen des Dienstleistungsektors zu vergleichen,
der tatsächlich
70% am BIP
ausmacht, ist sehr klein vereinfacht gedacht. Diese Sektoren
haben keine existentielle Bedeutung. Sie mögen großen kulturelle
Bedeutung Wert haben und eine Welt ohne Literatur wäre
nicht ganz sicher nicht wünschenswert - jedoch möglich. Eine
Welt ohne Nahrungsversorgung wäre dies aber kaum nicht. Ganz
besonders vor dem Hintergrund, dass bei den CO2-Ausstoßberechnungen nach
Angaben der Bayrischen Anstalt für Landwirtschaft (LfL)
die CO2-Senken von Wiesen und Feldern beziehungseise deren Pflanzen und
die meist im landwirtschaftlichen Betrieb beteiligte Forstwirtschaft mit
den Wäldern, als CO2-Senken nicht miteinberechnet werden. Beim
Zertifikatshandel
in der Industrie ist dies hingegen bereits Gang und Gäbe. Dort werden
CO2-Sünden im Sinne eines Ablasshandels über solche Zertifikate
abgegolten. Dieses Vorgehen wird auf die oftmals nachgelagerte
Forstwirtschaft in den bayrischen Landwirtschaften nicht angewandt. Und
das, obwohl bayrische Forstwirtschaften fast ausschließlich auf
nachhaltiges Wirtschaften ausgelegt sind und aufgrund der sehr geringen
Gewinnmargen selten exzessiv bewirtschaftet werden.
Solange Privatjets
nicht exorbitant
besteuert werden, ist der Druck auf die Landwirtschaft zur
Digitalisierung nicht aufgrund des CO2 Fußabdrucks gegeben, sondern
einzig um deren Marge möglicherweise wieder zu erhöhen. Die
Landwirtschaft ist ein höchst
innovativer Sektor,
nicht nur in Kernkompetenzbereich, sondern auch im
Energiebereich
und ist dadurch nicht Forderer einer Energiewende, sonder aktiver,
umsetzenden Teil dieser. Die Digitalisierung verläuft dort schrittweise,
mit betriebswirtschaftlicher Sicht auf Rentabilität und Instandhaltung
entsprechender Technologien. Begründet ist dieser Fortschritt allerdings
nicht aufgrund der vorgetragenen Sündhaftigkeit des Sektors per se,
sondern aufgrund des politsch seit Jahrzehnten vorherrschenden Drucks
zur Effizienzsteigerung. Schadstoffausstöße zu senken ist ein
erstrebenswertes Ziel um in einem lebenswerteren Land wohnen zu können.
Doch geradezu zynisch klingt es ausgerechnet das BIP heranzuziehen, wo
solch ein Kostendruck herrscht, der die
landwirtschaftliche Flächennutzung
seit Jahrzehnten reduziert und gleichzeitig die Erntemengen erhöht. Ein
Äpfel-mit-Birnen Vergleich zwischen Wirtschafsbereichen und der
Landwirtschaft über das BIP als Gradmesser der Toleranz gilt es
allerdingsdemnach gründlich zu überdenken. Laut
Bundesinstitut für Sportwissenschaften
trägt die Sportwirtschaft zu über 2% des BIP bei. Ohne tiefgreifende
Prüfung der von den selbsternannten Nachhaltigkeitsexperten von
Klimaneutrale Firma
vorgestellten Zahlen, liegt der Treibhausemissionsbeitrag der
Sportindustrie nur bei 1%. Und obwohl sich in diesem Bereich so häufig
auf Faktenbasiertheit berufen wird, erklärt auch im Beitrag des
Deutschlandfunks
der Autor, dass es zwar keine standardisierte Berechnung gibt, man aber
von ungefähr 1% ausgeht. Sieht man von diesen Ungenauigkeiten ab, so
würde man im Zuge des Notstandes dann in rigoroser Konsequenz und dieser
Logik also aufhören Felder zu pflegen und Käse zu machen? Wiederum
faktenbasiert würde man damit mehr Treibhausgase einsparen bei nur
minimaler Konsequenz für das BIP! Mit der gewonnenen Freizeit könnte man
mehr Skifahren und sogar einen Teil des verlorenen 1% BIP wieder auf
Apres Ski Festen reinfeiern. Ohne Apfelstrudel versteht sich ebenso
konsequent. Die Begründung zur Digitalisierung der Landwirtschaft auf
diesem Argument des BIP-Anteils ist offensichtlich fadenscheinig.
Solange Privatjets nicht verboten sind und private Megajachten in Europa
anlegen dürfen, so lange kann Klimapolitik nicht ernst genommen werden
und sollte nicht auf den Rücken derer ausgetragen werden, die im Zuge
der GAP bereits zu Hochqualität und Hocheffizienz gezwungen worden sind.
Von der gesellschaftlichen Aufstachelung der Plebs gegeneinander hier
noch ganz zu schweigen.