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Und immer bleibt die Frage - Wie viel Hypokrat darf eigentlich sein?

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Artikel 11 - Vielleicht Fehlt Bloß Zusammenräumen Mal

Sven-Sören Müller-Rohrbauer lebt seit einem halben Jahr mit Toni zusammen. Miteinander können sie sich nun eine viel größere Wohnung leisten als vorher jeder allein. Die Selbstständigkeit hatten sie zwar genossen, doch es hat jetzt einfach gepasst zwischen den beiden. Das es dann doch so schnell ging erschreckt Sven-Sören dann aber schon manchmal wieder. Aufgrund der Schwangerschaft einer Mitbewohnerin musste Toni aus der WG raus und Sven-Sören wollte sowieso auch ein bisschen mehr Platz. Endlich kann der Kaffeegenuss in vollem Zügen mit der gebrauchten Siebdruckmaschine ausgiebig zelebriert werden! Nur an den Milchersatz muss er sich noch etwas gewöhnen. Denn aufgrund Tonis erst neulich aufgetretenen Unverträglichkeit haben sie sich darauf geeinigt, Hafermilch zu verwenden. Dem Klima hilfts ja auch mahnt Toni den Sven-Sören. Das Zusammenleben klappt sonst auch echt gut. Einzig wenn Toni vergisst Sven-Sörens kolumbianische, dreifach gebrannte, fünffach gewendete Kaffeebohnen nicht wieder in den Kühlschrank zu stellen, dann sucht er direkt das klärende Gespräch!

Toni ist momentan nicht zuhause und Sven-Sören ist gerade mit seinem roten Rennrad zurück nach Hause geflitzt. Er war gerade bei der Brotmanufaktur, um Brot für die beiden zu kaufen. Das ist zwar etwas weiter weg und die beiden bezahlen ein paar Euro mehr, aber wenigstens wird er nicht vom Industriemehl des Bäckers gegenüber vergiftet meint er immer scherzhaft. Nachdem er noch schnell das Rennrad abgewischt hat und im Eingangsbereich der Wohnung kontraststark zur weißen Wand aufgehängt hat, bleibt ihm noch etwas Zeit. Er möchte diese nutzen, um sich auf ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch bestmöglich vorzubereiten. Dazu muss er seinen Lebenslauf erneut in Ordnung bringen und klarer strukturieren. Außerdem weiß er von Bekannten, welches Profil von der Personalabteilung gesucht wird. So kann er seine Antworten auf wahrscheinliche Fragen hin optimieren. Sven-Sören und Toni haben sich über eine mobile Kennenlernapplikation kennengelernt, und über ihr gemeinsames Hobby Rennradfahren sind sie tüchtig ins Gespräch gekommen. Das erste Mal getroffen haben sie sich dann auf dem Vielfältigkeitsmarsch. Der Kanzler höchstpersönlich hatte dazu aufgerufen, seinen Dienst an der Demokratie zu tun. Beim Marsch hatten sie ausgiebig Zeit über ihre Werte zu sprechen, wofür sie stehen und wie sie sich eine vielfältige Gesellschaft vorstellen.

Sven-Sören und Toni schlussfolgern, dass die politischen und wirtschaftlichen Veränderungen, den Verschiebungen der weltpolitischen Machtverhältnisse, den strukturellen und kulturellen Gesellschaftsveränderungen der letzten Zeit kompliziert seien. Menschen oder Gruppen über einen Kamm zu scheren sei unverantwortlich und nicht zu tolerieren. Deshalb sei diesen Problemen mit Offenheit und Toleranz zu begegnen. Politik, die sich dieser Toleranz und Offenheit nicht verschreibe, sei ein gesellschaftliches Ausgeschwür, das sich ausbreite und hier und jetzt zurückgedrängt wird - Auf diesem Marsch. Die beiden sind sich schnell einig gewesen. Das Auseinandergleiten von Gesellschaftsschichten, egal ob Land oder Stadt, Arbeiter oder Akademiker, links oder rechts habe es schon immer gegeben. Aufstrebende Bewegungen, die ganz offensichtliche Tatsachen nicht aktzeptieren, müssten bekämpft werden, sodass sie nicht weiter Fuß in der Gesellschaft fassen, die unvereinbarer und inhomogener denn je scheint. Sie haben sich letztendlich gegenseitig ermunternd zugestimmt, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen gäbe und irgendwie hat es da abschließend gefunkt. Das war richtig “deep” sagt Sven-Sören wenn er über das Kennenlernen spricht. Die gemeinschaftliche Stimmung hat dazu beigetragen, dass sie sich ganz überschwänglich für die Woche darauf verabredet haben. Sie haben sich auf geistiger Ebene total verstanden und zuhause gefühlt sagen die beiden. Ganz klar gebe es zwar tiefgreifende strukturelle Probleme zur Umverteilung und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten, aber grundsätzlich sei vor allem Vielfalt und das Einsetzen aller Stärken und Schwächen die Grundlage hier wieder einen Ausgleich zu schaffen. Die einseitigen Perspektiven von den immer gleichen Leuten, die sich gegenseitig an der Macht halten und immer die Strippen ziehen, in Wirtschaft und Poltik haben erst zu dieser Situation geführt, leiten die beiden her. Ganz Europa gleite ab in Abschottung und zunehmend völkische, vereinfachende Töne. Hier und jetzt sind die beiden gekommen um dies zu verhindern.

Sven-Sören kommt gar nicht aus der großen Stadt, sondern aus Norming, einem ländlichen Vorort. Ob er den BWL Leistungskurs vom Norminger Gymansium noch in seinem Lebenslauf lassen sollte? Vermutlich kann der raus mittlerweile. In Norming ist er nur noch selten. Die Leute sind einfacher strukturiert, er kann wirklich nicht mehr so viel anfangen damit wie früher. Seit seiner Reise durch Südostasien nach dem Abitur sieht Sven-Sören viele Dinge distanzierter. Außerdem geht ihm sein Vater dann meistens auf die Nerven, er solle den Rasen mähen. Am Wochenende Rasenmähen - “Kleinkarierte Vorstadtidylle!” wie er im Affekt schon mal schnippisch kommentiert. Wenigstens haben seine Eltern den Vorgarten im Frühjar mit Riesel versteinert. Seitdem wird er mit diesen Dingen wenigstens nicht mehr belästigt, wenn er schon mal daheim ist. Appropos - Sein Englischniveau könnte er auch auf C2 setzen, schließlich hat er auf der Reise ein ganzes Jahr lang fast ausschließlich Englisch gesprochen und im Auslandssemester in Budapest ebenfalls und auch so baut er in seinen Wortschatz gerne viele Anglizismen ein. Richtig "nice" - wie er wohl sagen würde. “So sieht der Lebenslauf doch gleich viel ansehnlicher aus!” sagt er sich. Im Nachhinein lächelt er müde über die doch ulkigen Situationen in den ungarischen Supermärkten, wo die Leute doch glatt einfach kein Englisch konnten und er sich aber mit seinen rudimentären Ungarischkenntnissen sowie Hand und Fuß zurecht finden konnte. Ganz allgemein wäre es doch das Beste, wenn einfach jeder nur noch Englisch reden würde. Wie einfach wäre Kommunikation dann! “Allright - Schon mal was geschafft!” freut sich Sven-Sören. Noch schnell den Basilikum gießen, dann geht's gleich weiter. Schon den dritten Basilikum hat er dieses Frühjahr gekauft. Jedes Mal gehen die Dinger ein - bestimmt dieses Supermarktzeug. Genauso wie die Bäcker verkaufen die doch das selbe Zeug, dass die Bauern vorher schon voll mit Industriedünger gepumpt haben. “Wenn die letzte Biene dann tot auf ihren Monokulturen umfällt, dann werden sie schon sehen, dass man Natur nicht industrialsieren kann” wiederholt er in Diskussionen. Bio-Basilikumsamen hat er nun gekauft und seit Wochen sind nur ein paar zarte Knospen zu sehen. Vermutlich ist die Erde zu trocken. Er macht sich eine Notiz auf ihrem gemeinsamen, digitalen Einkaufszettel um Biodünger zu besorgen.

Beim Gießen auf dem Balkon - totales Chaos. Schon lange regt ihn die Unordnung hier auf. Aber jetzt überkommt es ihn. Alles steht durcheinander. Endlich bringt die ganzen Kräuter zusammen in Reih und Glied - Basilikum, Schnittlauch, Salbei, Petersilie und Rosmarien fein säuberlich neben der Tür, die Tomaten getrennt auf der anderen Seite und die zwei Blumen stellt er vorne hin. So sieht das gleich viel aufgeräumter aus und außerdem erreicht er so die Kräuter beim Kochen auch viel schneller. Zurück in der Küche steht eigentlich der Abwasch an, denn Tonis Pfanne liegt noch mit leichter Wasserbenetzung seit gestern Abend in der Spüle. Sven-Sören überkommt es noch stärker. Diese Unordnung, dieses viele etwas hier, etwas dort. Bevor er jetzt überhaupt weitermachen kann seine Bewerbungsprofil anzupassen, muss er mal so richtig aufräumen. Der Abwasch allein reicht nicht. Durch den Zusammenzug haben sich das Geschirr, Besteck, die Gläser und die Tassen zu einem grässlichen Wirrwarr zusammengefunden. Wie sieht das eigentlich aus? Es stresst ihn jetzt, er will Stil und Ordnung, hier herrscht kunterbuntes Durcheinander. Es frisst an seiner mentalen Belastung Teller sauber aus der Spülmaschine zu räumen, die im Regal nicht einmal zusammenpassen. “Wir brauchen neues Geschirr verdammt!”. Er wird mehr und besser Kochen können, schließlich isst das Auge doch mit. Die ganzen Pfannen sind auch völlig zerkratzt. Bestimmt haben die, Toni’s fremde Freunde ihm beim Kochabend zerkratzt. Alles raus, schon morgen wird er sich neue bestellen. Er diktiert der digitalen Einkaufsliste, was sie brauchen. Das Geschirr jedenfalls stellt er schon mal raus. Womöglich nehmen sich die Nachbarn aus dem Flur schon was davon, die nehmen ja sonst auch jeden Unrat.

Je mehr er sich umsieht, umso mehr Arbeit sieht er. Um den Boden kümmert sich hier ja auch keiner! Toni macht sich wenig Umstände, obwohl sie frei gehabt hätte gestern. Doch sich an den Putzplan zu halten wäre ja zu viel verlangt. Als er den Putzeimer holen möchte, fällt ihm das Regal im Flur auf. Die ganze Wohnung scheint völlig außer Kontrolle. Er scheint dies gar nicht bemerkt zu haben, doch Stück für Stück hat sich Toni’s Verhalten auf die Wohnung ausgewirkt und seine Kontrollgebiet durcheinander gebracht zu haben. Er erinnert sich zurück wie ruhig und überschaubar es früher hier gewesen ist. Hier muss er klarere Machtworte sprechen und obwohl er froh über den Zuzug ist, müsse eine Anpassung erfolgen. Für ihn gehe es so nicht weiter. Plötzlich erkenne er seine eigene Wohnung nicht wieder. Da er gerade allein ist, müsse er die Chance nutzen und Tatsachen schaffen. Immer alles auszudiskutieren ist ihm zu viel im Augenblick. Schließlich koste es ihn jetzt schon Energie und Zeit, die er für diese Entrümpelung aufbringen muss, die er sonst in seine Bewerbungsvorbereitung stecken könnte. Wo wäre er wohl bereits, wenn er sich nicht mit vielen solchen lästigen Hindernissen beschäftigen müsste? Irgendwelche Zettel und Batterien und Tesastreifen und Plastikgeschirr und Tischtennisbälle und allerhand Krimskrams, der lose in Schubläden und Regalfächern herumlungert und Sven-Sörens innere Ruhe nun völlig auseinandergebracht hat. Wie soll er in so in seiner Wohnung zu Konzentration gelangen?

Er gerät in einen Wahn, er weiß nicht, was er zuerst entfernen soll, was er zuerst putzen soll, was er zuerst auseinandernehmen soll um sich Stück für Stück von Dingen zu trennen, die wochenlang nur Belastung brachten, keinen Mehrwert für ihn – schlichtweg: Hier muss entrümpelt werden! Auch Gegenstände von ihm fallen ihm nun auf. Der Stein, den er als Kind als Glücksbringer nutzte, nur noch Staubfänger, aus Gewohnheit hat er ihn schon in die jetzt vierte Wohnung von Daheim aus mitgezogen. Der muss jetzt weg, er braucht das nicht, das kostet nur und welcher Zweck? Das es schön aussieht? Sven-Sören wird zunehmend radikal in seinen Entscheidungen zum Aufräumen der Wohnung. Er braucht jetzt Effizienz, warum für etwas sorgen, Energie aufwenden, wenn es doch gar keinen offensichtlichen Zweck erfüllt. Sven stürmt aus der Küche, im Kästchen im Gang steht noch so viel mehr Schrott in einer Kiste. Toni hat das mitgebracht und sich nie darum gekümmert. Jetzt wirft er alles dort hinein was ihn stört. Er lagert es da und von dort aus kann es dann gesondert aussortiert werden. Aus den Augen aus dem Sinn! Sollte Toni sich nicht darum kümmern, löse er das Problem eben dadurch, dass es auf den Dachboden geschafft wird und später wird er sich um die endgültige Entsorgung kümmern – Aus!

Sven-Sören muss die gesamte Wohnung grundlegend auf Linie bringen, ihm eine klare Struktur geben. Seine Vorstellung einer Wohnung ist so, dass er sich einen konsistenteren Stil wünscht. Anders kann er sich gar nicht mehr konzentrieren jetzt. Sven-Sören will Harmonie und Ordnung. Er wischt noch Staub, in allen Zimmern – Wahnsinn, was da alles zusammenkommt. Eine Ladung Wäsche läuft auch schon. Nachdem er den Kühlschrank auch gewischt und die halboffenen Senfgläser zusammengeführt hat, kann er die Spülmaschine endlich einschalten. Er läuft nochmal durch die Wohnung. Es scheint vorbei! Die Situation ist gebannt. Er fühlt sich als Herr über sein Leben und sein kleines heimeliches Reich.

Sven-Sören ist zufrieden mit seiner Aufräumaktion – Endlich – Seine Insel der Glückseeligkeit, neu geformt, die Kontrolle zurückerlangt und von nun an überwacht nach seinen Vorstellungen. Er braucht noch einen Kaffee bevor er jetzt so richtig los startet. Aus dem Kühlschrank holt er die kolumbianischen, dreifach gebrannten, fünffach gewendeten Kaffeebohnen und gibt sie zärtlich in die Siebträgermaschine. Er schaltet auf mittelstark und drückt den silbernen Knopf. Langsam tröpfelt das braune Gold in sein Tässchen während Sven-Sören sich befriedigt umsieht. “Fast wie bei Ikea” schmunzelt er. Mit der heißen Espressotasse setzt er sich jetzt beruhigt wieder an den Rechner! Ein schneller Knipser und das wäre “done” stöhnt er und jetzt der “CV”, wie er ganz modern den Lebenslauf nennt. Rennradfahren bei Hobby, ja klar, das fehlt ja noch. Ansonsten eigentlich schon ganz gut angepasst. Nochmal öffnet er kurz die Stellenanzeige um das Profil abzugleichen. Ganz unten liest er: “empowerment through our differences”. Perfekt – genau das ist auch seine Stärke, zugeschnittener könnte er für die Anzeige ja gar nicht sein – “That’s so me” sagt Sven-Sören. Toni kommt nach Hause. Schnell wischt sie ihr weißes Fahrrad ab und hängt es neben Sven-Sörens an die Wand. “Morgen in die Berge wandern frägt sie ihn? Es soll schönes Wetter werden”. Die beiden müssten auch echt mal wieder abschalten und auf der Reidl Alm ist es doch so urig! “All right” sagt Sven-Sören, “Dann lass uns aber früher aufstehen!”.