Artikel 10 - Totale Offenheit, aber nur für Nachbar's Wiesen
Australien-Lisa fährt nach dem Abi erst einmal ein Jahr nach Australien. Spätestens mit diesem ikonischen Begriff hat sich der Weltreisende als Lebensstil oder zumindest Lebensabschnittsstil etabliert. Ob es nun besser ist ein Jahr lang schwere Rucksäcke durch Berglandschaften zu schleppen oder im Zivildienst Renter zu pflegen ist nicht direkt mit dem Weltreisenden zu vergleichen. Die Egozentrität steht sicherlich mehr im Vordergrund beim Weltreisenden. Es geht um ihn selbst, Erfahrungen zu machen, die Lust auf Neues zu stillen. Bei ersterem steht die Allgemeinheit im Vordergrund. Beides sind völlig legitime Ansprüche hier irgendwelche Vergleiche zu konstruieren scheint wenig sinnvoll. Alle drei Aktivitäten sind Erfahrungen, können den Charakter beeinflussen und haben ganz unterschiedliche Motivationen. Ob Gemeinschaftsaufgabe oder Egotrip, vermutlich kann man einfach beides machen. Die Lebenserwartung steigt ja sowieso, warum also nicht die Welt erkunden - ein bisschen zumindest. Es ist schließlich spannend an verschiedene Orte der Welt zu reisen um Architektur, Landschaft, Kulinarik, Gerüche, Kultur, Musik oder einfach nur einen anderen Schlag Menschen kennenzulernen. Inwieweit man in die Lebensrealität verschiedener Gebiete und Systeme wirklich eintaucht und diese tatsächlich durchdringt bleibt bei Aufenthalten die eher tages- als monatslang gerechnet werden fraglich. Allerdings könnte man dagegenhalten, dass dies auch für Menschen des gleichen Orts unterschiedlicher Schichten gilt. Ein echtes Verständnis für andere Lebenssituationen herrscht selbst innerhalb von Gesellschaften nicht ausreichend vor. Damit bleibt mindestens ein grundlegender, oberflächlicher Eindruck von anderen Kulturen und Gebieten für den Weltreisenden.
Festzuhalten ist: Rauszukommen und Neues zu entdecken ist grundsätzlich nicht schlecht um vielleicht irgendwann die große Sinnfrage beantworten zu können. Spontanität, Kontaktfreudigkeit oder Improvisation sind alles wichtige Eigenschaften, die der Reisende mitbringen muss oder während seiner Tätigkeit erlernt. Das Verständnis und die Erfahrung aus unterschiedlichen Situationen und Gesellschaften sind auch auf keinen Fall schädlich für die persönliche Entwicklung. Reisen und nicht immer den gleichen Trott jahrein jahraus zu leben ist in diesem Sinne großartig.
Der Kern der ganzen Reiseunternehmung ist die Lust auf Abwechslung zu stillen. Abwechslung ist die Differenz zur eigenen Umgebung zu steigern. Hier kann die Abwechslung auf zwei Teile heruntergebrochen werden. Architektur und Landschaft sind in den Gebieten dieser Welt sehr unterschiedlich und sehenswert. Der zweite Teil ist Kultur zu erleben, also die Menschen selbst, die Traditionen, Musik, Kulinarik und der gesamte Lebensentwurf der Menschen eines Ortes, also zu sehen wie diese leben. Wäre eine Stadt im Prinzip genauso wie die eigene wäre eine Fahrt dorthin weniger erstrebenswert. Hat sie etwas besonders, einzigartiges, was sich von der eigenen Umgebung unterscheidet erhöht sich die Wahrscheinlichkeit die Abwechslungsgier für Besucher zu stillen. Der Trott des ausbrechenden Weltreisenden, ist die Lebensrealität, Kultur, Tradition des anderen und teilweise ja der Beweggrund der Reiseunternehmung selbst, also den Trott des ganz anderen an einem anderen Ort zu entdecken. Die Forderung, auszubrechen, raus zugehen scheint damit irgendwie schizophren.
Wenn also Australien-Lisa kund tut, dass sie sich einerseits nicht mehr an Deutsch erinnert, vergessen hat, wie man komisch sagt und deshalb ihre Dorffußballmannschaft als weird bezeichnet, weil sie nicht raus gekommen sind. Die Burschen von der Mannschaft, haben jeden Dienstag und Donnerstag Fußballtraining, meistens am Freitag oder am Samstag Spiel, am Mittwoch steht für einige Feuerwehrübung an und am Freitag kollidiert das Spiel ab und zu mit der Probe der Blaskappelle, die Trachtenprobe einiger weniger am Montag ist organisatorisch nie ein Problem. Im Gegensatz dazu hat Lisa ihr Profil auf einschlägigen sozialen Medien auf Topzustand gebracht. Sie hat Fotos zusammen mit peruanischen Bergführern, war auf spanischen Osterzügen, ist in vor alten kubanischen Autos gestanden, steht im H&M Dirndl vor der Musikerbühne im Augustinerfestzelt, ist mit Quads durch kambotschanische Reisfelder gefahren, steht mit abgewandtem Gesicht vor einer ägyptischem Pyramide, nachdenklich vor den Felsen des Gran Canyon, springt auf der chinesischen Mauer und und am besten war sie auch noch irgendwo in Afrika und hat ein Foto mit einer Gruppe Kindern gemacht, beim Pub Crawl hat sie auch Detlef Vegan und Daniel Gefahr aus Berlin kennengelernt der sogar noch mehr Anglizismen kennt als sie. Der Großteil dieser Erfahrungen sind schön und wie bereits beschrieben sicherlich nicht schädlich. Doch das Gras des Nachbarn ist immer grüner und wo von anderen gefordert wird auszubrechen wird woanders dann gesucht. Ohne die Musikanten auf dem Oktoberfest gäbe es nichts zu feiern, ohne die jahrein jahraus arbeitenden Reisbauern keine Felder zum vorbeifahren und ohne die Touristenführer um Kairo, die täglich Leute vor die Überreste von Pyramiden karren, wäre all dieses rauskommen gar nicht möglich. Die Weltreisenden sind die, die rauskommen, und dort ankommen, wo andere einfach geblieben sind. Andere die scheinbar zu Unrecht für ihr Bleiben als rückständig empfunden werden, schaffen sie dadurch doch erst, was als entdeckenswert und unikat gilt.
Bezöge sich nun die Forderung an die Burschen von der Fußballmannschaft rauszukommen darauf ihr Dorf oder Städtchen zu verlassen um in Großstädten zu leben, so fragt sich, ob das tatsächlich besser im Sinne einer Öffnung ist. Denn Reisen und Entdecken enthält meistens die Anfahrt über Fernzug oder Flugzeug, möglicherweise auch Auto. Dies geht von Großstadt aus ebenso wie vom Dorf. Der Zugang von ersterer dürfte allerdings einfacher sein. Bezogen auf die Architektur ist zumindest für Laien die moderne Bauweise ausgeschallten Beton als Kunstwerk darzustellen global omnipräsent und enthält keinerlei lokalen Bezug. Städte entwickeln sich doch eher hin zu völliger Gleichartigkeit, einer unbemerkten Austauschbarkeit und Beliebigkeit in der zum Beispiel einige traditionelle Bauwerke abstrus hervorgehoben werden aber für den Ottonormalbewohner der Stadt im Alltag keine Rolle spielen. Das Hofbräuhaus als ikonischtes Gebäude Münchens ist zwar schön, aber 90% der Gebäude der Stadt entsprechen nicht mehr dieser Bauweise. Neue Gebäude sehen doch stahl- und betonkonform eher so aus wie das Allianzgebäude in der Maxvorstadt. Es könnte irgendwo auf der Welt in einer beliebigen Stadt stehen. Die Stadt besteht typischerweise aus dem legendären historichem Zentrum, welches zwar Maximal einen Minimalteil von 10% ausmacht, aber dennoch als identitätsstifend glorifiziert wird. Alles drumherum ist so beliebig und konform, das selbst über Ländergrenzen hinaus die Städte fast unverwechselbar geworden sind. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist imposant und sehr schön anzusehen, aber dieses Bauwerk, wenn man es nicht wüsste, könnte überall auf der Welt stehen. Ein Bezug zu norddeutscher oder hanseatischer Kultur ist wieder einmal für den Laien, nicht erkennbar. Uns sollte sie für Architekturexperten allein erkennbar sein wäre dieses Argument auch nicht entkräftet. Globalisierung lässt Burger King und KFC in jeder Großstadt dieser Welt entstehen, kulinarisch wie kulturell entwickelt sich das Angebot zu einer zwar abwechslungsreichen, hochverfügbaren, aber mehr oder weniger einheitlichen Mische zusammen. Es ist wahr, Großstädte bieten die Möglichkeiten afghanisch, somalisch, japanisch oder brasilianisch zu essen. Spannend und lecker ist das allemal und abwechslungsreich auch. Die Authentizität ist aber offensichtlich begrenzt. Es ist auch wahr, dass Opern und Theaterangebote zahlreich sind. Doch scheinen diese Angebote in Hamburg, Berlin, Mailand, Valencia oder Brüssel ähnlich zu sein. Möglicherweise enthalten Kulturangebote etwas Lokalkolorit, aber hier sei unterstellt, dass dies abnimmt. Es ist so ähnlich wie bei der Großstadtfußballmannschaft wo Spieler gekauft werden, die meistens wenig mit der Stadt in der sie spielen zu tun haben und anstatt in München genauso gut in Neapel oder Rotterdam spielen könnten. Selbstverständlich ist es schön, wenn die Stadt über den Fußball so an Bekanntheit und Ruhm gewinnt, doch erkauft man sich diesen Preis durch eine Art Beliebigkeit. Die Daseinsfürsorge und Infrastrukur ist in Großstädten besser und bietet sehr viel mehr Komfort auf diesen Ebenen. Allerdings war dies auf dem Land auch einst anders und ist eher auf staatliche Verantwortung zurückzuführen, dass systematisch zum Beispiel Bildung und Gesundheit unterworfen wurden. Selbst sprachlich verkümmern die Varietäten hin zum englischen Standard. Die Forderung des Rauskommens, weg vom zwar einfacheren, aber puristischeren hin zu kulturell global konvergierender Großstadt scheint fragwürdig. Laut "Autonomes Fahren - Wo wir stehen" von Eckard Minx und Rainer Dietrich leben mehr als 60% der Menschheit in Städten, mit steigender Tendenz und damit die Mehrheit. Der Mehrheit folgend, hin zur Konformität scheint dem Geist des individuellen Rauskommens nicht vollständig gerecht. Letztlich, hier im Bezug auf Stadt oder Land oder Weltreisender und Daheimbleiber von besser oder schlechter zu sprechen überzeugt bisher noch nicht.